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BLOG - LESE-ECKE

Wir wollen und werden verändern

Gewaltprävention im Soldiner Kiez

Wie alles begann

Ein ganz normaler Tag im Berliner Soldiner Kiez. Ein Funkwagen fährt seine Streife im Bereich. Plötzlich kommt über die Einsatzleitzentrale eine Funkmeldung über 15 verdächtige Jugendliche rein, die eventuell Drogen zu sich nehmen, sich lautstark unterhalten und herumkaspern.
Am Einsatzort eingetroffen, nehmen die Jugendlichen sofort eine bedrohliche Haltung gegenüber den Polizeibeamten ein: „Ihr bekommt unsere Ausweise nicht!“, „Das dürft ihr nicht!“, „Verschwindet, das ist unser Areal!“, „Wir holen unsere großen Brüder und unsere Verwandtschaft, dann werdet ihr schon sehen …!“
Geschlossen demonstrieren sie ihren Widerstand gegen die polizeilichen Maßnahmen mit ihrem aggressiven Verhalten und ohne jeglichen Respekt gegenüber den Beamten. Möglicherweise würde dieser Einsatz noch zu einer wochenlangen Fehde der Beteiligten führen.

So oder ähnlich sah das alltägliche Zusammentreffen zwischen Jugendlichen und der Polizei noch vor einigen Jahren aus, unversöhnlich und verfeindet.
Doch es hat sich was getan im Kiez, etwas Grundsätzliches, etwas Unvorhersehbares, 
etwas Unbegreifliches?

Ein Brennpunktkiez mausert sich

Gleiche Situation heute im Kiez. 
Als die Polizisten am Ereignisort eintreffen ruft plötzlich einer der Jugendlichen: „Die Polizisten kenne ich, ihr seid doch vom Abschnitt 18 und macht bei KbNa mit, ihr spielt doch mit uns immer Fußball!“
Sofort kommen die Jugendlichen auf die Polizisten zu, begrüßen diese höflich und schon entwickelt sich ein freundschaftliches Gespräch.
Die Jugendlichen zeigen Verständnis für die polizeilichen Maßnahmen und die Gruppe lässt sich ohne Widerrede oder Protest auf die Forderungen der Polizisten ein.

Für Außenstehende ein befremdliches Bild, mit dem sie zunächst nichts anfangen können. Kommt es hier etwa zu einer Verbrüderung zwischen kriminellen Jugendlichen und der Polizei, so ihr erster Eindruck!

Mut zahlt sich aus

Aber welche unheimlichen Kräfte haben hier gewirkt?
Es geschah im Jahr 2009, als ein junger Sozialarbeiter mit sehr viel Mut im Gepäck den Weg zum damaligen Polizeiabschnitt 36 in die Pankstr. 29 fand.
Es war Yousef Ayoub. Er selbst wuchs im Soldiner Kiez auf und erlebte als Jugendlicher am eigenen Leib die Verhärtung der Positionen im gegenseitigen Umgang Jugendlicher und der Polizei in seinem Kiez als große Belastung und die permanenten Kontrollen durch die Polizeibeamten als Stigmatisierung.
So entwickelte er die Idee, durch gemeinsame Aktionen der Kontrahenten aktiv zu einer Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Polizeibeamten und den Jugendlichen beizutragen und auf diese Weise wechselseitige Vorbehalte abzubauen.

Mit gemischten Gefühlen betrat er den Abschnitt in der Hoffnung, dass sein Vorschlag Gehör finden würde. Seine Anfrage richtete er bewusst an den örtlich zuständigen Polizeiabschnitt. Diese uniformierten Beamten der Schutzpolizei sind tagtäglich im Funkwagen oder zu Fuß in diesem Kiez unterwegs und kommen ständig mit den Jugendlichen in Kontakt.
Und sein Mut wurde belohnt. Die Dienstgruppenleitung mit Carsten Prenzel und Eckhard Mantei nahmen die Anregungen sofort dankend auf und schon wurde an der Umsetzung gemeinsam weitergearbeitet.

Ein Verein verändert einen Kiez

Mit niedrigschwelligen gemeinsamen Angeboten, wie wöchentliches Fußballspielen mit der Polizei, gemeinsame Koch- und Backveranstaltungen, Kletterkursen, Exkursionen und Kiezfesten sollten die verfeindeten Strukturen durchbrochen werden.

Unter dem Namen „Kiezbezogener Netzwerkaufbau – KbNa“ gründete Yousef Ayoub einen eigenen gemeinnützigen Verein unter dem Slogan:
„Wir wollen und werden verändern – Gewaltprävention im Soldiner Kiez“

Nach einer etwa einjährigen erfolgreichen Erprobungszeit mit einem Jugendclub begann Yousef Ayoub erfolgreich weitere Netzwerkpartner zu gewinnen.
Und schnell fanden sich im Kiez Netzwerk- und Kooperationspartner, wie z. B. die Polizeidirektion 1 (Nord) Abschnitt 18 (ehemals Abschnitt 36), die Evangelische Kirchengemeinde an der Panke, der Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V. mit einer Flüchtlingsgemeinschaftsunterkunft und dem Kinder- und Jugendhaus „Vom Guten Hirten“, der Jesus Miracle Harvest Church, der Haci Bayram Moschee, Grund- und Oberschulen sowie Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen aus dem Soldiner Kiez.
Zurzeit kooperieren über 30 lokale Akteure mit dem Kiezbezogenen Netzwerkaufbau.

Ziel von KbNa ist es, aktiv zu einer Gesellschaft beizutragen, in der die Menschen gewaltfrei, respektvoll, gleichgestellt und über soziale, kulturelle und ethische Grenzen hinweg tolerant miteinander umgehen.
Leitgedanke ist es, eine solidarische Gemeinschaft im Kiez zu schaffen, die eigenverantwortlich und möglichst aus eigenen Ressourcen arbeitet.
Dabei fokussiert sich der Verein KbNa bewusst auf die Kinder- und Jugendarbeit sowie niedrigschwellige Aktivitäten, um eine nachhaltig positive Haltung gegenüber der gesamten Kiezgemeinschaft und insbesondere der Polizei schon in jungen Jahren zu fördern.
Die polizeilichen Präventionsmaßnahmen sollen dabei so auf die Kinder und Jugendlichen einwirken, dass sie nicht oder nicht mehr straffällig werden, sie über Risiken einer Straftat aufgeklärt sind und zu einem sicherheitsbewussten Verhalten beitragen. Maßnahmen zur Prävention von Gewalt und Kriminalität von Kindern und Jugendlichen können nur dann wirksam sein, wenn sie darauf abzielen, mindestens einen Schutzfaktor zu stärken bzw. einen Risikofaktor zu reduzieren. Schutz- und Risikofaktoren sind mit der Person und dem gesamten Umfeld des Kindes/Jugendlichen verknüpft, also mit der Familie, der Schule und dem Wohnumfeld.

So fördert der Verein KbNa seither die kulturelle Toleranz, Solidarität und Kriminalprävention und trägt damit zu einer positiven Veränderung des gesamten Kiezes bei.

KbNa versteht sich als Initiator und treibender Impulsgeber des Netzwerks sowie zusätzliche Ressource im Sinne der Kiezgemeinschaft. Als zentrale Anlaufstelle bringt KbNa Organisationen, Vereine und Behörden aus unterschiedlichen Milieus zusammen und initiiert bürgernahe, direkte und bewusst niedrigschwellige Maßnahmen, wie Veranstaltungen, Bildungs- und Freizeitangebote oder die Schaffung von Begegnungsräumen.
Die feste Kooperation mit der Polizei zur Gewaltprävention ist Kern und maßgeblicher Erfolgsfaktor der Vereinsarbeit.

Die Welt ein bisschen besser machen

Der Verein hat es durch gemeinsame Aktionen geschafft, gegenseitige Feindbilder abzubauen, hat Brücken gebaut und Menschen zu besseren Menschen verändert.
Nicht zuletzt hat diese Vereinsarbeit mich selbst und meine Kollegen positiv verändert und viele Vorurteile abgebaut.
Es sind neue Freundschaften entstanden und dadurch ist die Welt größer, schöner und bunter geworden. Und das alles nur, weil ein junger Sozialarbeiter den Mut besaß, neue und unbekannte Türen zu öffnen.

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