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BLOG - LESE-ECKE

Rückblick auf den ersten Lockdown

Peter Spanblöchl
Vorsitzender der Landesleitung Gewerkschaft der Landeslehrer*innen

Sonntag, 15. März: auf einmal war alles anders. Der reguläre Unterricht und unsere gewohnte Arbeit im Büro der Gewerkschaft und des Zentralausschusses wurden beendet. Von einem Tage auf den anderen (zwei Tage früher als noch in der Vorwoche angekündigt) wurde in der Schule auf Distance-Learning umgestellt und wir fanden uns im Home-Office wieder. Die Quarantänebestimmungen haben aber nicht nur die gewohnten Arbeitsabläufe umgekrempelt, sondern auch ein Gefühl der Beklemmung und Ohnmacht ausgelöst. 

Jede Menge Fragen

Die Frequenz an Telefonaten und E-Mails war in den Wochen bis Ostern deutlich höher als gewohnt. Selbstverständlich mussten auch wir aufgrund der COVID-19-Pandemie sämtliche für das Sommersemester geplanten Veranstaltungen absagen. Im Nachhinein bereue ich, dass ich die Zeit vom 13. März bis 18. Mai nicht in einem Tagebuch festgehalten habe. So bleiben mir nur die Stichworte und Mitschriften über die Telefonate aus meinem Notizbuch.
Am Beginn des Lockdown waren speziell Schulleiterinnen und Schulleiter gefordert, die innerhalb kürzester Zeit die Personalplanung umstellen mussten und gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern pädagogische Konzepte entwickelten, die aufgrund der Rahmenbedingungen einem ständigen Wandel unterlegen sind. Die Fragen und Problemstellungen der Kolleginnen und Kollegen waren sehr vielfältig, wie eine kleine Sammlung der Schlagworte aus meinem Notizblock belegt:

Wie kommen die Lernunterlagen zu den Schülern*innen 
Kinder nicht erreichbar 
Anwesenheit an der Schule (Betreuung/Telefondienst/Konferenzen – gesundheitliches Risiko) 
viele Kinder haben keinen eignen PC, nur ein Handy (Eltern, Geschwister, etc.) 
direktes Feedback (fehlt Schülerinnen und Lehrerinnen) 
Abgrenzung schwer, da die elektronischen Rückmeldungen zu allen Tages- und Nachtzeiten eintreffen und der Druck zur umgehenden Beantwortung verspürt wird 
unterschiedliche Formate von abfotografierten Arbeiten 
Kinder über Mail schwer erreichbar 
ungestörtes Arbeiten zu Hause (aber auch das genaue Gegenteil) 
beste Plattform ist offenbar WhatsApp – allerdings verboten 
nach Ostern setzen viele Schulen auf Online Meetings 
Hygienerichtlinien 
Risikogruppen 
Schulbusse 
Stundenpläne (Rücksichtnahme auf Geschwisterkinder) 
rechtlicher Rahmen für die Betreuung während der Osterferien 
Beaufsichtigung von Schülern*innen 
Schutzvisier 
Lehrplan PTS 
Musikunterricht 
Angst vor Ansteckung 
Ehepartner*in bzw. Kinder gehören zur Hochrisikogruppe 
Gruppengröße 
Lerntempo 
Summerschool 
Monitoring 
MIKA-Testung 
Hygienehandbuch 
Leistungsbeurteilung im Distance-Learning 
Schulveranstaltungen-Stornokosten 
Journaldienst 
Schwangerschaft-Corona 
Schulreifeüberprüfung

Lehrerinnen und Lehrer tragen eine hohe gesellschaftliche Verantwortung,

die eindrucksvoll gelebt wurde, wie etwa mit der unbezahlten freiwilligen Betreuung von Kindern an Ferientagen etc. bemerkenswert unter Beweis gestellt wurde.


Trotz unklarer Etappenpläne, sich widersprechender Informationsschreiben, extrem kurzen Vorlaufzeiten, administrativer Mehrbelastung und oft unzureichender Sicherheitsvorkehrungen schafften und schaffen wir es, unsere Schülerinnen und Schüler gut durch diese schwierige und herausfordernde Zeit zu bringen. Manches ist ganz einfach gelungen, manches mit etwas Holpern, aber alles mit riesigem Engagement und Herzblut. Das oft als sehr starr bezeichnete System Schule hat innerhalb kürzester Zeit innovativ auf die neuen Herausforderungen reagiert. Egal ob digital unterstützt oder in traditioneller Form zeigte sich das vielfältige didaktisch-methodische Repertoire der Lehrerinnen und Lehrer. 

Alle, die im System Schule arbeiten, haben große Anerkennung und hohe Wertschätzung verdient. Dass das nicht überall so gesehen wird, bedaure ich sehr. Die bei uns eingelangten Rückmeldungen von Eltern waren vor allem auf Lob für die unkomplizierte und flexible Umstellung auf das Home-Schooling, die Bereitstellung von Materialien und Arbeitsaufträgen, die gute Erreichbarkeit sowie die schnelle, persönliche und verständnisvolle Informations- und Kommunikationskultur bezogen.
Trotz des Vorsprungs, den Tirol im digitalen Bereich seit Jahren hat, traf uns die Umstellung auf den Fernunterricht unvorbereitet. In einigen Schulen fehlt es an der dafür notwendigen Ausstattung, Infrastruktur, an Programmen und Konzepten. Diesen Mangel haben die Betroffenen (Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Eltern) schon seit Jahren mit erheblicher Anstrengung, bewundernswertem Aufwand und selbst finanzierten Eigeninitiativen zu beheben versucht. Wäre dem nicht so, dann hätte während dem „Lockdown“ pädagogisch recht wenig funktioniert. 

Diese noch nie dagewesene Ausnahmesituation ist mit einem normalen Schulalltag nicht zu vergleichen.

Dass Home-Schooling und Distance-Learning nur Übergangslösungen sein können, war von Beginn an klar. Trotzdem gibt es bereits jetzt Erkenntnisse, von denen einige für die Weiterentwicklung von Schule, auch nach der Krise, von Bedeutung sein können.

Es zeigte sich, dass ältere Schüler*innen mit dem Fernunterricht weit besser zurecht kommen als jüngere, dass diese die dadurch gezwungenermaßen auf sie zugekommene größere Verantwortung auch durchaus zu schätzen wissen. Sowohl das selbstständige Planen und Organisieren als auch die individuelle Zeiteinteilung sind Fähigkeiten, die auch im späteren Berufsleben oder an der Universität von großer Bedeutung sind / sein werden.

Dass jüngere Schüler*innen weniger Freude mit dem digitalen Unterricht hatten, ist weniger ihrer technologischen Affinität als vielmehr ihrem Entwicklungsstand geschuldet. Viele Volksschüler*innen vermissten ihre Klassenkameradinnen und Klassenkameraden und ihre Klassenlehrer*innen. Dass multimediale Unterrichtsformen die Motivation und den Lernerfolg steigern können, ist unbestritten. Dass der Austausch von Lernmaterial etc. über webbasierte Plattformen auch nach der Corona-Krise ein unverzichtbares Instrument darstellt, zeichnet sich ab. Dennoch, Schule ist weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Ein entscheidender Faktor ist nach wie vor die Klassengemeinschaft als unverzichtbares soziales Gefüge. Das gilt für die Maturantin ebenso wie für den Volksschüler.
Viele bewegt die Frage, wie es im Herbst weitergeht, welche Herausforderungen wir im Schuljahr 2020/21 meistern müssen. Wir wissen es nicht. Sicher ist jedoch, dass wir die uns gestellten Aufgaben gemeinsam bewältigen werden. k+lv, Personalvertretung und Gewerkschaft werden sich auch weiterhin bemühen, die Tiroler Lehrer*innen bei der Bewältigung der vor uns liegenden herausfordernden Aufgaben bestmöglich zu unterstützen.
 

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Elke
17.03.2021 14:57

Schule ist weit mehr als ein Ort der Wissenvermittlung

Vor ein paar Tagen habe ich mit einer pensionierten Lehrerin gesprochen. Sie hat zu mir gesagt: "Hätten wir uns das vorstellen können, dass die jungen Menschen auf die Straße gehen und dafür demonstrieren wieder in die Schule zu gehen?"
Das letzte Jahr hat so viel Kraft von uns allen verlangt. Ich wünsche uns allen, dass wir gut durchhalten und bald wieder ein gewohnter Schul- und Kindergartenbetrieb möglich ist.
Peter, du hast geschrieben: Eine Schule ist weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung.
Ja da hast du recht, Schule ist so viel mehr: Schule ist ein Ort, an dem man seine Freunde und Arbeitskollegen*innen trifft. Schule ist ein Ort, an dem man sich anstrengen muss, aber auch Spaß haben kann. Schule ist ein Ort, an dem man wachsen und dazulernen kann. Schule ist ein Ort der Gemeinschaft und ein Ort, an dem man neue Talente und Begabungen an sich entdecken kann. Schule ist ein Ort voll mit Leben!
KATHOLISCHER TIROL LEHREREVEREIN