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BLOG - LESE-ECKE

Politische Bildung

Peter Spanblöchl
Vorsitzender der Landesleitung der Gewerkschaft der Landeslehrer*innen

In der Schule sollten Schüler*innen früh genug erleben, dass ihre Äußerungen ernst genommen werden und dass sie selbst Wünsche und Ideen einbringen dürfen.

Der Lehrplan der österreichischen Schule fordert die Lehrpersonen auf, viele Teilaspekte des Zusammenlebens zu berücksichtigen. Wie das umgesetzt werden soll, bzw. woher die zeitlichen Ressourcen kommen, bleibt aber offen.

Die Schüler*innen an Tirols Schulen kommen aus unterschiedlichsten sozialen Umfeldern und machen vor, in- und außerhalb der Schule grundlegende Erfahrungen im Zusammenhang mit Gruppendynamik und Gesellschaftsstrukturen, die für ihre Entwicklung von großer Bedeutung sind. In der Schule sollten Schüler*innen früh genug erleben, dass ihre Äußerungen ernst genommen werden und dass sie selbst Wünsche und Ideen einbringen dürfen. Die Strukturen dafür sind in der österreichischen Schule leider nicht ausreichend vorhanden. Der Klassenalltag kann aber demokratischen Spielregeln folgen.

„[…] Junge Menschen sollen Angebote zum Erwerb von Urteils- und Entscheidungskompetenz erhalten, um ihr Leben sinnerfüllt zu gestalten. Orientierungen zur Lebensgestaltung und Hilfen zur Bewältigung von Alltags- und Grenzsituationen sollen die Schülerinnen und Schüler zu einem eigenständigen und sozial verantwortlichen Leben ermutigen. Die Achtung vor Menschen, die dabei unterschiedliche Wege gehen, soll gefördert werden […]“ (www.bmukk.gv.at/schulen/recht/erk/vo_lp_neu.xlm)

Zweifellos kann das durch Lernen an konkreten Situationen recht leicht erreicht werden. Das Leben und das Lernen miteinander zu verknüpfen ist aber auch in anderen Belangen sinnvoll, da Situationen, Ereignisse oder Konstellationen von Sachverhalten unmittelbar zum Denken und Handeln auffordern. Solche Situationen für die Beschäftigung mit politischen Inhalten bieten sich im Schulbetrieb fast täglich. Ein Streit bei einem Spiel in der Pause, ein Zeitungsbericht über katastrophale Zustände in einem Erziehungsheim oder die Umstellung der Sitzordnung, können Anstöße dafür sein, demokratische Prozesse einzuüben.

Solche Situationen ergeben sich zufällig, können aber auch arrangiert bzw. aufgesucht werden. Dieses Lernen in Situationen schließt systematisches Lernen nicht aus, es erfordert dieses sogar manchmal zur Bewältigung einer Situation. Die große Gefahr beim anlassbezogenen Lernen besteht aus meiner Sicht vor allem darin, dass auf den theoretischen Hintergrund vergessen wird, da dieser ja auch nicht in der Situation einfach abgerufen werden kann. Es bedarf also einiger Werkzeuge, die vorab schon bereitgestellt werden müssen.

Soziale Erfahrungen, die das „Ich“ der Kinder stärken, sind von grundlegender Wichtigkeit.

Soziale Erfahrungen, die das „Ich“ der Kinder stärken, sind von grundlegender Wichtigkeit. Basale Formen sozialer Initiative und Sensibilität zu entwickeln, um stabile soziale Beziehungen aufbauen zu können, ist ein schwieriges, aber lohnendes Aufgabenfeld der Schule.

Alle diese Dinge setzen aber ein enorm hohes Engagement der betreffenden Lehrpersonen voraus. Vereinzelt werden Lehrpersonen leider auch in Frage gestellt, wenn sie Schüler*innen zu viel Mitspracherecht einräumen, da dadurch manchmal der Eindruck entsteht, als herrsche Disziplinlosigkeit.

Besondere Bedeutung haben in diesem Zusammenhang interkulturelle Erfahrungen. Unterschiedliche Kulturen und verschiedene religiöse Ansichten sind ein Wesensmerkmal der österreichischen Schule. Kaum eine andere Gruppe ist so heterogen in ihrer Zusammensetzung in Bezug auf Kultur, Sprache, religiöser und sozialer Herkunft, wie eine Pflichtschulklasse. Das Gemeinsame und Verbindende sollte dabei immer im Vordergrund stehen. Sich mit Unterschieden auseinanderzusetzen und voneinander zu lernen, wäre die Idealform des multikulturellen Unterrichts, wie er an vielen Schulen Realität ist. Meistens jedoch bleiben die Forderungen des Unterrichtsprinzips in diesem Bereich auf der Stufe der Akzeptanz anderer Kulturen und Ansichten stehen. Der Prozess muss hier aber weiter gehen. Zusammenleben heißt nicht nur nebeneinanderher leben, sondern sich in vielen Lebensbereichen zu verschränken.

Schüler*innen sollen aber auch erfahren, wo die Grenzen ihrer Ansprüche liegen und was ihre Verpflichtungen sind.

Schüler*innen wollen in ihrem Tun einen Wert und Sinn erkennen. Zu wissen, wozu man etwas lernt, aber auch was die Gesellschaft von einem erwartet, sind zentrale Fragen, gerade für Kinder. Schüler*innen sollen aber auch erfahren, wo die Grenzen ihrer Ansprüche liegen und was ihre Verpflichtungen sind. Um hier Orientierung für junge Menschen zu schaffen, kommt es aber nicht nur auf das pädagogische Geschick und den Einsatz der Lehrkräfte an, sondern auf die Gestaltung des schulischen Lebens insgesamt. Auf welche Weise Eltern, Lehrer*innen und Schüler*innen miteinander umgehen und ihre Umwelt gestalten, lässt die Schule zu einem Erfahrungsraum für Sinn- und Wertfragen werden. Das Ordnen und Erfahrbarmachen dieser demokratischen Erziehungsfelder werden vom österreichischen Lehrplan explizit gefordert. Gleichzeitig fehlen aber die Ressourcen, vor allem die zeitlichen. Ob und wie demokratische Erziehung stattfindet, ist mehr oder weniger dem Zufall unterworfen und hängt ganz entscheidend von der jeweiligen Lehrperson ab.

Dieser Wissenserwerb und das Aneignen von Fertigkeiten, Pläne und Modelle zu entwerfen (...und den Umgang mit Medien zu schulen...), ist aber nicht nur ein schulpolitisches Programm, sondern dient dem Fortbestand der demokratischen Gesellschaft.

Dieser Wissenserwerb und das Aneignen von Fertigkeiten, wie Pläne und Modelle zu entwerfen und den Umgang mit Medien zu schulen, ist aber nicht nur ein schulpolitisches Programm, sondern dient dem Fortbestand der demokratischen Gesellschaft. Gelebte Partizipation und damit die Erfahrung durch das eigene Tun und Handeln Anerkennung zu erlangen sind die Voraussetzung für ein demokratisches Bewusstsein im Erwachsenenalter und beugen der allgemein spürbaren Politik- und Politiker*innenverdrossenheit vor.

Einige Studien der letzten Jahre (z. B. die partizipative Jugendstudie des Landes Tirol/Demokratiemonitor Österr. Parlament) belegen, dass ein Zusammenhang zwischen schulischem politischem Leben und der späteren Bereitschaft zur Partizipation besteht. 

 

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