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BLOG - LESE-ECKE

Manchmal sind es kleine Dinge, die von großer Wichtigkeit sind.

Partizipation im Elementarbereich

Michaela Piegger
Elementarpädagogin und Systemische Beraterin, Leitung der Kinderkrippe des Eltern-Kind-Zentrums Innsbruck  

Sigrid Sporer
Elementarpädagogin, Gruppenführende Pädagogin der Kinderkrippe des Eltern-Kind-Zentrums Innsbruck

 

Was ist Partizipation?

„Partizipation“ ist eines der 12 Bildungsprinzipien des Tiroler Bildungsrahmenplans. Wörtlich übersetzt, bedeutet es „Teilhabe, Mitsprache, Mitbestimmung“. Auf einer pädagogischen Handlungsebene bedeutet es, Kindern zuzugestehen, ihren Alltag mitzugestalten und Verantwortung übernehmen zu dürfen. Kindern wird von Anfang an ermöglicht, bei der Gestaltung von Alltagssituationen – wie zum Beispiel bei Mahlzeiten, der Gestaltung von Räumen, beim Wickeln, in Spielsituationen, etc. mitzuwirken und eigene Entscheidungen zu treffen.

Wie kann Partizipation im Elementarbereich gelingen?

Voraussetzung für ernst gemeinte Partizipation ist eine Haltung, die die Meinung von Kindern gleichermaßen respektiert, wie die von Erwachsenen. Kindern muss Autonomie zugestanden werden und ihnen muss die Möglichkeit gewährt werden, für sich selbst und für andere in einem geschützten Rahmen Verantwortung zu übernehmen. Hierfür braucht es Pädagogen*innen, die bereit sind, einerseits die eigenen Vorstellungen hintanzustellen – somit einen Teil ihrer „Macht“ abzugeben – und den Kindern ein Feld des Ausprobieren-dürfens zu eröffnen und die sich aber andererseits durchaus ihrer Verantwortung bewusst sind. Diese Verantwortung impliziert vor allem den Blick auf alle Kinder einer Gruppe. So gibt es Kinder, denen es aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur oder auch ihrer Vorerfahrungen leichter fällt, Bedürfnisse auszudrücken und selbstständig zu handeln, als anderen. Dass die Möglichkeit zu Partizipation aber wirklich für jedes Kind gegeben ist, bedarf der Sensibilität und Aufmerksamkeit von Erwachsenen, die Kinder wahrnehmen, ihnen zuhören (auch nonverbal), ihnen antworten und stets vermitteln, dass ihre Ideen erwünscht sind, solange sie nicht die Freiheit von anderen einschränken. Um Partizipation gewährleisten zu können, ist es zudem wichtig, sich als gesamtes Team dafür zu sensibilisieren und immer wieder gemeinsam zu reflektieren, ob und wie diese Haltung im Alltag gelebt wird und diese Haltung auch vorzuleben. Dies bedeutet in weiterer Folge dann ebenfalls, auch allen Mitarbeiter*innen und Eltern Mitgestaltung in einem gewissen Rahmen zu ermöglichen.

Kindern muss Autonomie zugestanden werden und ihnen muss die Möglichkeit gewährt werden, für sich selbst und für andere in einem geschützten Rahmen Verantwortung zu übernehmen.

Beispiele für Partizipationsmöglichkeiten

Sich Fragen zu stellen, ob Kinder selbst entscheiden dürfen, beispielsweise welche und wie viel Kleidung sie tragen, ob sie Spielzeuge teilen wollen oder ob sie jemandem zur Begrüßung die Hand geben, sind pädagogischer Alltag. In Bereichen, die sich oft wiederholen, wie zum Beispiel „Einnahme von Mahlzeiten“, „Wickeln“, „Schlafen“, „In-den-Garten-gehen“, ist es sinnvoll, ein eigenes Konzept zu erstellen, in welchem festgeschrieben steht, welche Entscheidungen Kindern in diesem Gebiet freistehen. Weiters gilt es zu unterscheiden, in welchen Bereichen Partizipation ganz automatisch geschieht, weil sie eben fix eingeplanter, demokratischer Bestandteil eines Themenkomplexes ist und sogar aktiv eingefordert wird (wie zum Beispiel in einem Kinderparlament oder im Morgenkreis) und in welchen Bereichen im Gegensatz dazu Partizipationswünsche der Kinder spontan erfolgen und eine ebenso spontane Reaktion darauf erfordern (Beispiel Umgestaltung des Raumes; Kind möchte nicht an geplantem Ausflug teilnehmen…).

Im Folgenden haben wir ein paar Entscheidungsmöglichkeiten zu bestimmten Themenkomplexen formuliert, die Kindern Partizipation zugestehen. Welche dieser Punkte in einer Einrichtung erwünscht und möglich sind, ist im Vorfeld von einer Leitung bzw. den Mitarbeiter*innen festzusetzen. Sie sollen nur aufzeigen, wie weit Partizipation theoretisch möglich sein könnte.

Beim Thema „Mahlzeiten“ wären Optionen zu Selbstbestimmung, wenn ein Kind für sich selbst entscheidet,

  • ob es essen will
  • wann es essen möchte
  • neben wem es am Tisch sitzen möchte
  • wo und in welcher Gemeinschaftsform es essen möchte
  • was es essen möchte
  • ob es kosten möchte oder nicht
  • mit welchem Werkzeug es essen möchte
  • wie viel es essen möchte
  • ob es trinken möchte
  • was es trinken möchte
  • ob es sich an den Vorbereitungen zum Essen beteiligen möchte
  • ob es selbst herausschöpfen möchte
  • ob es selbst aufwischen möchte, wenn etwas daneben geht
  • ob es ein Lätzchen tragen möchte oder nicht
  • ob es sich am Abräumen beteiligen möchte

Beim Themengebiet „Schlafen“ gäbe es beispielsweise Partizipationsmöglichkeiten in der Entscheidungsfreiheit eines Kindes

  • ob es schlafen möchte oder nicht
  • wo es schlafen möchte
  • ob es alleine oder bei anderen Kindern schlafen möchte
  • ob/ von wem es begleitet wird
  • ob/ von wem es beim Einschlafen Körperkontakt bekommt
  • ob/ wie dunkel es im Raum ist
  • ob/ was es beim Schlafen anhat
  • ob es zugedeckt sein möchte
  • ob es einen Schnuller, ein Kuscheltier oder Ähnliches zum Schlafen haben möchte
  • ob es beim Schlafen eine Windel trägt oder nicht
  • wie lange es schlafen möchte

Der Themenkomplex „Wickeln“ würde - unter anderem- folgende Optionen für ein Kind beinhalten,

  • wann es gewickelt werden möchte
  • von wem es gewickelt werden möchte
  • ob es andere Kinder begleiten dürfen
  • ob es ein Spielzeug zum Wickeln mitnimmt
  • ob es auf einem Wickeltisch oder am Boden gewickelt wird
  • ob es allein auf den Wickeltisch steigen möchte und wieder hinunter
  • ob es sich selbst auszieht oder ob es ausgezogen wird
  • wie viel es ausziehen möchte
  • ob es im Liegen oder im Stehen gewickelt wird
  • ob es sich selbst die Windel auszieht
  • ob es sich selbst die frische Windel anzieht


Manchmal sind es auch scheinbar ganz kleine Dinge, die für Kinder von großer Wichtigkeit sein können. Zum Beispiel gibt es in unserer Kinderkrippe einen dreijährigen Buben, der großer Fan der Eisprinzessin Elsa ist. Seit mehreren Wochen möchte er daher „Elsa“ genannt werden. Sich nicht darüber lustig zu machen, sondern seinem Wunsch zu entsprechen, bedeutet für ihn, erleben zu dürfen ernst genommen zu werden und über sein Leben bestimmen zu dürfen. Auch bedeutet es ein Ernst-Nehmen von kindlichen Bedürfnissen, wenn sie beispielsweise in einen Spielbereich, in dem normalerweise keine Stifte erlaubt sind, Stifte mitnehmen dürfen, wenn dieser Bereich für sie gerade eine Schule ist. Denn natürlich braucht es in einer Schule Stifte!

Herausforderungen der Partizipation

Wie bereits erwähnt, ist es wichtig, als Pädagoge*in darauf zu achten, dass allen Kindern gleichermaßen die Möglichkeit zur Mitgestaltung gegeben ist und gleichzeitig die Kinder nicht überfordert werden. Hierbei spielen sowohl die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein der einzelnen Kinder als auch das Alter eine entscheidende Rolle. Dies bedeutet nicht, dass nicht auch schon ganz kleine Kinder mitbestimmen können, doch sind der Handlungsspielraum und ein Absehen-Können von Konsequenzen natürlich je nach Alter unterschiedlich. Außerdem gilt es natürlich bei jedem Gestaltungsbedürfnis zu allererst abzuwägen, ob Sicherheit und Schutz der Kinder dadurch nicht gefährdet sind. Oftmals spielt auch der Faktor „Personalschlüssel“ eine große Rolle und es gibt Situationen und Zeiten, in denen Bedürfnisse der Kinder nicht erfüllt werden können.

Partizipation darf außerdem nicht mit Laissez-faire gleichgesetzt werden. Es ist wichtig, ein Konzept, das auch Regeln des Miteinanders impliziert, zu haben. Allerdings sollte man von diesen Regeln auch abweichen können, wenn dadurch Gestaltungsmöglichkeit für Kinder gegeben wird, die nicht das Wohlbefinden oder die Gestaltungsmöglichkeiten anderer Kinder einschränkt. Dies zu entscheiden, heißt oft, sehr schnell abwägen zu müssen!

Eine weitere Herausforderung ist das Zulassen von Scheitern. Nicht jede Idee der Kinder wird zu ihrer Zufriedenheit ausgehen. Die Kinder auch hierbei zu begleiten, fällt nicht immer leicht.

Ziele der Partizipation

Kinder, die erleben dürfen, dass ihre Vorstellungen der Gestaltung des eigenen Lebens bedeutsam sind und die ernst genommen werden, haben gute Voraussetzungen, sich zu selbstbewussten Erwachsenen zu entwickeln und auch eine gewisse Frustrationstoleranz zu entwickeln. Sie können Experimentierfreude, Mut und Lebensfreude entwickeln und lernen zudem demokratische Grundwerte kennen, indem sie die Erfahrung machen, dass sowohl ihre eigenen als auch die Interessen von anderen gehört und ernst genommen werden.

Es ist unglaublich bereichernd zu sehen, wie kompetent Kinder ihren Alltag mitgestalten. Wir möchten hiermit alle Pädagogen*innen dazu ermuntern, sich den Ideen der Kinder anzunehmen und mit großer Offenheit und Spannung zu beobachten, wie sich der Alltag dadurch verändert.

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