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BLOG - LESE-ECKE

Kinder von Anbeginn an teilhaben lassen

Mag. Martina Gitzl-Zecha
Erziehungswissenschaftlerin, Kinderkrippen-Pädagogin; Leitung Eltern-Kind-Gruppen
Referentin für Früherziehung; Pikler©Pädagogin

 

Partizipation – von Geburt an – wie soll das gehen? Wie können Babys, wenn sie noch nicht sprechen können, überhaupt am Geschehen teilnehmen? Diesen Fragen werde ich im folgenden Artikel nachgehen und beziehe mich dabei auf die Pikler© Pädagogik, die – wie kaum eine andere Kleinkind-Pädagogik – die Kooperation mit dem Kind vom ersten Augenblick an ins Zentrum der täglichen Begegnungen setzt.

Wer war Dr. Emmi Pikler

Dr. Emmi Pikler (geb. 1905 in Wien) – Kinderärztin – gründete in der Nachkriegszeit des 2. Weltkrieges in Budapest ein Säuglings- und Kinderheim für verwaiste, verwahrloste Kinder von Tuberkulosekranken Eltern – bekannt unter dem Namen „LOCZY“. (benannt nach der Straße, in der es sich befindet). Die Pionier-Arbeit von Emmi Pikler und ihrem Team von Pfleger*innen, Ärzten*innen und Psychologen*innen war es, Säuglinge und Kleinkinder in diesem Heim in den 1950er-Jahren so aufwachsen zu lassen, dass sie keine Hospitalismus-Schäden entwickelten. So etwas hat es bisher noch nie gegeben. Wie war das möglich? Mit welchen Methoden war das zu schaffen? Es war die besondere Art und Weise, wie Neugeborene in der Körperpflege berührt wurden und die ungeteilte Aufmerksamkeit, die ihnen in dieser Zeit zuteilwurde, die es Säuglingen ermöglichte, eine überlebenswichtige innere Stabilität aufzubauen.

Ich zitiere aus dem Dokumentations-Film „Loczy – wo kleine Kinder groß werden“ (YouTube)

„Joshi ist zweieinhalb Monate alt, seine Mutter hat ihn vor mehreren Wochen verlassen. Ein Säugling, der seine Mutter verliert, wird in einer chaotischen Welt hin und her geworfen, deren Zusammenhangslosigkeit wir uns nur schwer vorstellen können. Er ist ohne Orientierung, wie gehäutet, fassungslos. Die Pflegerin weiß das, streift ihn mit ihren Händen, hüllt ihn mit ihren Blicken und ihrer Stimme ein und versucht ihn – indem sie alle ihre Handlungen mit Worten beschreibt – eine Orientierung zu geben, mit der er seine Fassung wieder finden kann. Langsam, geduldig webt sie rund um ihn eine Hülle, die die englischen Psychoanalytiker eine „psychische Haut“ nennen.“

Hier war es die Pflegerin, die dem Neugeborenen Sicherheit und Orientierung gibt, indem sie von Anbeginn an mit ihm im Dialog ist. Auch wenn wir heute nicht mehr mit verwaisten Kindern arbeiten, gilt für uns genauso wie früher: Lassen wir Säuglinge und Kleinkinder von Anbeginn an den täglichen Pflege-Situationen, wie Wickeln, essen, baden, an- und ausziehen, etc. teilhaben, so können diese alltäglichen Kontakte zu einer bereichernden Erfahrung für Eltern und Kinder werden. In der achtsamen Pflege werden Babys auf das vorbereitet, was als Nächstes kommt, und erleben Körperberührungen nicht ruckartig oder überfallsartig. Stellen Sie sich vor, der Mensch neben Ihnen putzt Ihnen plötzlich ohne jegliche Ankündigung die Nase und hält Ihnen dabei vielleicht sogar noch den Kopf fest. Wie würden Sie das erleben? Was würden Sie dabei empfinden? Und warum sollte das bei Kindern ganz anders sein? Mit dem Kind von Anbeginn an zu sprechen bedeutet, es als Gegenüber mit seinen Gefühlen und Empfindungen wahr und ernst zu nehmen. Das Kind erlebt sich somit als aktiven Teil des Geschehens und lernt so schon sehr früh, was es heißt, zuzuhören und zu antworten – wenn auch vorerst v. a. mit Gesten und Blicken. Sich selbstwirksam zu erleben – aktiver Partner*in zu sein, stärkt das eigene Selbst- und Körperbild des Kindes – bereits von Anbeginn an – man könnte sagen: vom Wickeltisch an. Ein Baustein im Erwerben der eigenen sich langsam entwickelnden Resilienz.

Neben der achtsamen Pflege war und ist es genauso von Bedeutung, den Kindern Zeit zu lassen für ihr eigenes Entwicklungs-Tempo in ihrer Bewegungs-Entwicklung: 
Ein gesund entwickeltes Kind braucht keine Hilfe von Erwachsenen, um in eine neue Position zu kommen. Krabbeln, sich hochziehen, die ersten freien Schritte zu erleben – das sind die spannendsten Augenblicke der Entwicklung in der frühen Kindheit. Auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen wollen sich frei bewegen und entwickeln dürfen – in ihrem eigenen Tempo und auf ihre Art und Weise. Ein Kind, das nicht zum Laufen animiert wird, das sich frei entwickeln kann, muss nicht quengelnd darauf warten, bis ein Erwachsener es an der Hand herumführt.

Welche Bedeutung steckt hinter dieser Haltung, abzuwarten, bis Kinder von sich aus den nächsten Schritt machen? Im Laufe der Bewegungsentwicklung lernt der Säugling nicht nur krabbeln, stehen, gehen, sondern er lernt auch das Lernen: Er lernt, sich selbstständig mit etwas zu beschäftigen, zu probieren, Schwierigkeiten zu überwinden. Das Baby lernt nicht nur, was es heißt, auf sich aufzupassen, sondern auch sich im eigenen Körper wohlzufühlen. Und es erlebt die Freude und den Erfolg: Ich habe es geschafft – ich selbst kann das. Ein nächster wichtiger Baustein für den Aufbau des eigenen Selbstwert-Gefühls: ICH kann das – ICH schaff das!

 

Praxisfeld „Pikler©Spielraum“

Der Pikler©Spielraum ist eine begleitete Eltern-Kind-Gruppe mit dem Schwerpunkt auf Bewegung und selbstständiges Entdecken. Die Gruppen sind vom Entwicklungs-Stand der Kinder aufeinander abgestimmt, sodass nicht Kinder, die noch am Rücken liegen und Laufkinder in derselben Gruppe sind. Die Spielräume werden in Innsbruck im Eltern-Kind-Zentrum angeboten und in einer privaten Gemeinschaftspraxis. Eine Kurseinheit besteht in der Regel aus 10 wöchentlich stattfindenden Gruppenterminen für die Dauer von 1-1,5 Stunden. Das Kind kann sich im Spielraum ohne Hilfe von Erwachsenen auf Entdeckungsreise machen. Zu erkunden gibt es dabei geeignete Bewegungsgeräte (Dreiecksständer, Krabbelkiste, Kletterstühle, Kriechtunnel) und verschiedenste Spielmaterialien (Körbe, Bälle, Ringe, Stapelhölzer…), die auf das Alter der Kinder abgestimmt sind. Es kann selbst entscheiden, womit es sich wann beschäftigen will und wird nicht zum Spielen gedrängt; manche genießen es, vom sicheren Hafen der Mutter oder des Vaters aus, zuerst das Geschehen längere Zeit zu beobachten, bevor sie selbst aktiv werden. Es sammelt auch erste Erfahrungen mit anderen Kindern in einer neuen, unbekannten Gruppe.
 
Die Eltern können dabei geistig und körperlich zur Ruhe kommen und für diese bestimmte Zeit mit der  Aufmerksamkeit ganz da sein. Sie werden eingeladen, sich mit ihren Interaktionen zurückzunehmen und die Zeit im Spielraum zu nutzen, ihrem Kind achtsam zuzuschauen. Dadurch lernen sie darauf zu vertrauen, dass ihr Kind selbst am besten weiß, welche neuen Herausforderungen es als Nächstes in Angriff nehmen möchte. So können neue Sichtweisen entstehen wie z. B. „das kann ich meinem Kind zumuten“ oder „das habe ich bei meinem Kind noch nie gesehen“. Eltern lernen, ihrem Kind mehr zu vertrauen und die Entwicklung des Kindes abzuwarten. Eine Mutter formulierte es einmal so:

„Man sieht, wie sich die Kinder im Laufe der Zeit immer mehr zutrauen. Für mich war es anfangs schwierig, mich nicht einzumischen, aber mit der Zeit habe ich gelernt, meinem Kind zu vertrauen.“

Durch mein Wissen über die Entwicklungsschritte der Kinder kann ich den Eltern Sicherheit und Orientierung geben und auch der Austausch unter den Eltern ist sehr hilfreich. 

So soll die Arbeit mit den Eltern im Spielraum ein Beitrag sein für das Weniger und Mehr:
Weniger eingreifen – weniger anleiten – mehr Achtsamkeit, mehr Zutrauen.

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