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Gewalt ist keine Privatangelegenheit

Der Psychotherapeut Martin Schölzhorn leitete den Fachbereich Kinderschutz der „Tiroler Kinder und Jugend GmbH.“ bis Sommer 2019. Aktuell arbeitet er als Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Klinischer Psychologe in freier Praxis in Innsbruck. Im Interview mit dem Tiroler Sonntag spricht er darüber, warum es so schwer ist, Missbrauch an Kindern und Jugendlichen aufzudecken, und wie wichtig es ist, dass erwachsene Menschen Verantwortung übernehmen.

Das Gespräch führte Walter Hölbling.

25 Jahre Kinderschutz in Tirol. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Martin Schölzhorn: In den vergangenen Jahren ist bei vielen Menschen ein größeres Bewusstsein dafür entstanden, dass es Missbrauch und Gewalt gegen Kinder gibt. Geändert hat sich auch die Erziehungshaltung der Eltern: Körperliche Gewalt wird nicht mehr so sehr als Erziehungsmittel angewandt, sondern ist heute oft Ausdruck und Folge von Überforderung und Ohnmachtsgefühlen der Erziehungspersonen. Man muss sich bewusst sein, dass das Verbot von Erziehungsgewalt erst seit 1989 gesetzlich verankert ist.

Wie ist das im Fall von sexueller Gewalt?

Schölzhorn: Bei der sexuellen Gewalt haben wir es in der Regel mit geplanten und bewusst gesetzten Handlungen zu tun. Erwachsene Menschen instrumentalisieren dabei die Bedürftigkeit und das natürliche Interesse der Kinder für sich. Die Verantwortung liegt aber klarerweise zu 100 Prozent bei den Erwachsenen. Dabei ist nur ein kleiner Bereich strafrechtlich relevant, etwa sexuelle Handlungen mit und an Kindern und der damit verbundene Missbrauch des Autoritätsverhältnisses. Strafrechtlich nicht verfolgbar sind aber z. B. anzügliche Blicke, sexuelle Grenzverletzungen wie zum Beispiel sexualisierte Berührungen am kindlichen Körper.

Worin liegt die große Schwierigkeit, diesen Missbrauch aufzudecken?

Schölzhorn: Missbrauch hängt immer mit Geheimhaltungsdruck zusammen und mit einem Loyalitätskonflikt der Kinder. Viele Kinder sind beschämt und haben selbst oft kein Interesse, dass der erfolgte Missbrauch ans Licht kommt. Sie geben sich selbst eine Mitschuld, z. B. wegen ihrer kindlichen Neugier am Geschlechtsteil des Täters/der Täterin oder dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe.

Das heißt, Täter/innen nutzen bewusst diese kindliche Neugierde aus?

Schölzhorn: Vom Täter/von der Täterin wird diese Neugierde umgedeutet und für seine/ihre eigenen Zwecke missbraucht. Die Neugierde des Kindes ist legitim, die Verantwortung liegt, wie schon gesagt, ausschließlich beim Erwachsenen, der dieses Interesse nicht für seine Zwecke umdeuten darf. Dazu kommt dann oft noch die Scham der Kinder und das Drängen des Täters/der Täterin auf Geheimhaltung.

Wenn es dann doch aufkommt – worin besteht die Aufgabe des Kinderschutzes?

Schölzhorn: Das wichtigste ist, einen Schutz für das Kind herzustellen, dass sich der Missbrauch nicht wiederholt, etwa durch eine räumliche Trennung des Kindes vom Täter/von der Täterin. Wichtig ist auch, dass Kinder nur mehr in Gegenwart einer dritten Person mit dem Täter/der Täterin zusammen sind. Auf Seiten der Täter/innen geht es darum, dass sie das Problem erkennen und Verantwortung dafür übernehmen. Das wird oft erschwert durch die Strafandrohung, viele Täter/innen entscheiden sich dann dazu, alles zu leugnen.

Auch für Angehörige oder Pädagogen braucht es Mut, einen Verdacht auszusprechen.

Schölzhorn: Wichtig ist, dass der Schutz von Kindern alle angeht. Kinder zeigen bestimmte Symptome, wenn sie belastet sind. Sie ziehen sich zurück, können sich nicht konzentrieren, ihre Leistungen werden schwächer. Da braucht es den Mut, hinzuschauen und auch nachzufragen. Oft geht es darum, dass sich Erwachsene auf die Kinderwelt einlassen und Hinweise der Kinder nicht übersehen.

Was kann man dann konkret tun?

Schölzhorn: Jeder kann beim Kinderschutzzentrum anrufen und einen kostenlosen Gesprächstermin vereinbaren. Aber es ist auch wichtig, im privaten Bereich Stellung zu beziehen. Dabei geht es nicht darum, die ganze Person zu verurteilen, sondern klar anzusprechen, dass man ein bestimmtes Verhalten nicht in Ordnung findet. Kinder haben ein Recht darauf, gewaltfrei aufzuwachsen, und Gewalt an Kindern ist keine Privatangelegenheit.

Wie können Eltern und Pädagogen*innen einem möglichen Missbrauch von Kindern vorbeugen?

Schölzhorn: Unsere Erfahrung ist, dass Kinder weniger gefährdet sind, die stark und selbstbewusst sind, sich nicht immer unterordnen müssen, die ihre Meinung sagen und auch widersprechen dürfen.
Gefährdeter sind Kinder, die widerspruchslos gehorchen müssen und die nicht gelernt haben, sich zu wehren.

Lässt sich einschätzen, wie häufig Missbrauch von Kindern in Tirol vorkommt?

Schölzhorn: Das Problem beim Nennen von Zahlen ist, dass die Dunkelziffer sehr groß ist. Generell sind mehr Mädchen als Buben von Missbrauch betroffen. Wir gehen davon aus, dass von 100 Mädchen etwa acht von Missbrauch betroffen sind. Bei Buben sind es von 100 etwa drei bis vier, die sexuelle Gewalt erleben.

Wie soll man auf solche Zahlen reagieren?

Schölzhorn: Man sollte diese Zahlen nicht bagatellisieren, aber auch nicht dramatisieren. Beides ist für das Wohl der Kinder nicht gut. Wichtig ist ein fachlicher, nicht emotionaler Umgang mit diesem Thema. Die Öffentlichkeit neigt derzeit eher zur Dramatisierung, auch in der medialen Berichterstattung. Im kirchlichen Bereich erleben wir oft eine Bagatellisierung.

Sie haben an der Universität Innsbruck im Wintersemester 20/21 bereits das zweite Mal gemeinsam mit der Theologin Gertraud Ladner eine Lehrveranstaltung zum Thema sexuelle Gewalt geleitet. Worum geht es dabei?

Schölzhorn: Der Schwerpunkt liegt darauf, die Angst zu nehmen, hinzuschauen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Missbrauch vorkommt. Es geht auch darum, den Studierenden und Mitarbeitern*innen zu vermitteln, welche Haltung ihnen hilft, professionell mit dem Thema umzugehen.

Um alleine damit fertig zu werden?

Schölzhorn: Nein. Bei der Aufdeckung und Aufarbeitung von Missbrauch braucht es immer Zusammenarbeit, das kann man für sich alleine nicht tragen. Es braucht das Gespräch mit anderen, denn oft beginnt man dann, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. In der Lehrveranstaltung wird es aber auch um fachliche Inhalte gehen wie die Vermittlung der speziellen Dynamik bei Missbrauch und das Hinschauen auf hierarchische Strukturen und Abhängigkeitsverhältnisse, die den Missbrauch begünstigen.

Eine letzte Frage: die Corona-Krise fordert uns alle sehr. Was bedeutet das im Zusammenhang mit Gewalt an Kindern?

Schölzhorn: Von den Kindern und Jugendlichen wird in dieser Krise viel gefordert. Ob die Gewalt an Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise gestiegen ist, kann ich nicht eindeutig beantworten, da ich nicht mehr im Kinderschutzbereich arbeite. Auf jeden Fall sind wir alle gefordert, achtsam mit Kindern und Jugendlichen umzugehen, da die psychischen Belastungen aufgrund dieser Krise sehr groß sind. Ich hoffe sehr, dass für uns alle in diesem Jahr wieder ein Stück Normalität zurückkommt.

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