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BLOG - LESE-ECKE

Gewalt

typisch Jungs vs. typisch Mädchen

Gewalt: Typisch Jungs

Mag. Zeiner Florian
Projektkoordinator Fachstelle für Burschenarbeit
Männerberatung Verein Mannsbilder

„Was macht einen typischen Jungen aus? Eine Frage, die immer schwieriger zu beantworten ist.“ Aus Sicht der Fachstelle für Burschenarbeit - sie ist Teil der Männerberatung „Mannsbilder“ - eine sehr gute Entwicklung, denn es bedeutet auch, dass es immer mehr Burschen gelingt, aus Stereotypen und alten Männlichkeitsbildern auszubrechen und neue Wege zum Mann werden zu beschreiten.
Doch nach wie vor sind Burschen vor allem in jungen Jahren auffälliger als Mädchen. Eine Erklärung dafür liefern uns mittlerweile die Neurowissenschaften. Diese bieten das Erklärungsmodell an, dass Jungen durch das stark erhöhte Testosteron vermehrt zur Kampfeslust und zur Aggression neigen. Das Testosteron korreliert zwar nicht direkt mit Aggressivität, führt jedoch zu mehr Wettbewerbsorientierung und Kräftemessen. Eine Erklärung, die uns teilweise hilft zu verstehen, was biologisch in Jungen vorgeht und es nachvollziehbarer macht, warum Jungen unter mehr Spannung stehen, mit der sie dann innerlich und äußerlich mehr zu kämpfen haben.
Gleichzeitig hilft das Testosteron den Jungen auch ihre Aufmerksamkeit nach außen zu fokussieren und verstärkt ihre Entdeckerfreude. Wie Benzin in einem Motor sorgt es dafür, dass Burschen Lust an der Bewegung verspüren und mit der Neugier eines abenteuerlichen Forschers die Welt um sich herum explorieren. Da stellt sich natürlich die Frage, ob dies auch für Burschen gilt, die den ganzen Tag am Handy hängen und sich keinen Meter vom Platz bewegen. Auf den ersten Blick wohl nicht, doch wer genauer hinsieht, entdeckt auch dort die Abenteuerlust, mit der die Jungen die virtuellen Welten von Fortnite und Roblox gemeinsam mit ihren Freunden erkunden und entdecken.
Wichtig ist bei jedem Erklärungsmodell, dass es immer nur einen Teil der Realität abbildet. In unserer Arbeit mit Jungen nehmen wir wahr, dass wir diese nicht nur auf ihre Biologie reduzieren dürfen. Es ist zwar eine Erklärung für manches Verhalten, ersetzt jedoch nicht die Beziehungsarbeit und das aufrichtige Interesse für die emotionalen Entwicklungen in ihrem Inneren. Ohne Vertrauen in das Gegenüber und ohne aufrichtiges Interesse wird es schwierig, in Beziehung zu gehen. Das ist auch der wichtigste Punkt, wo Bezugspersonen ansetzen können, um mit Jungen in Kontakt gehen zu können. 
Hier sind natürlich auch die Männer sehr gefordert. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechterrolle hilft sehr dabei, den Jungen auf seinem Weg zu einem gewaltfreien und verantwortungsbewussten Mann zu begleiten und zu inspirieren. Dies betrifft sowohl die Klarheit auf nonverbaler und verbaler Ebene als auch die damit verbundene Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und inneren Männlichkeitsbildern. Durch die aktive und ehrliche Begleitung von Bezugspersonen lernen Burschen ihre inneren Spannungen umzuwandeln und konstruktiv zu nutzen.Deswegen ist es uns als Fachstelle für Burschenarbeit ein großes Anliegen, dass Jungen und ihre Bezugspersonen auf diesem Weg unterstützt werden, wissend, dass es keine typischen Jungs gibt und ein individueller Zugang zu mehr Diversität, Gewaltfreiheit und einem besseren Miteinander führen kann.

 

Gewalt: typisch Mädchen

MMag. Katharina Lhotta
ARANEA Mädchenzentrum

 

Mädchen und Frauen sind zum einen besonders häufig von Gewalt betroffen (in Österreich jede dritte Frau), zum anderen steigt die Zahl der Mädchen*, die selbst Gewalt anwenden. ARANEA, das Zentrum für Mädchen (Arbeit), hat es sich zur zentralen Aufgabe gemacht, Mädchen in ihrer Vielfalt in den Mittelpunkt zu stellen. Dies bedeutet, in Zusammenhang mit dem Thema Gewalt, dass hier Gewalt in den vielfältigen Erscheinungsformen analysiert wird und sowohl von Gewalt betroffene Mädchen* unterstützt, als auch mit Täter*innen gearbeiten wird.
In beiden Fällen trägt Bewusstseinsbildung und Wissensvermittlung dazu bei, Gewalt vorzubeugen und unterstützt das Aufdecken und Aufarbeiten von Gewaltphänomenen.
Über Gewalt zu sprechen fällt vielen Menschen schwer. Dies liegt daran, dass die vielfältigen Erscheinungsformen von Gewalt den meisten Menschen nicht bewusst sind. Für Betroffene von Gewalt ist es daher eine schwierige Aufgabe indirekt erlebte, strukturelle, -oder direkt erlebte (sexualisierte) körperliche oder psychische Gewalt zu benennen.
Ebenso fällt es Täter*innen schwer, über selbst ausgeübte Gewalt zu sprechen. Die vielfältigen Formen von Gewalt, sowie die Vielschichtigkeit von Gewalt als gesellschaftliches Phänomen und der Zusammenhang von Faktoren, wie Geschlecht, Hautfarbe, Gesundheit, soziale Herkunft und Gewalt, erfahren bei ARANEA in der Arbeit mit den Mädchen besondere Aufmerksamkeit. Durch Wissensvermittlung, Gewalt- und Konfliktaufarbeitung und Präventionsarbeit setzt ARANEA niederschwellig an, um zu einem bewussteren Umgang mit Gewaltsituationen beizutragen.
In den ARANEA Mädchentreffs wird Gewalt, wenn nötig zum Thema gemacht, indem beispielsweise der gewaltfreie Raum bei ARANEA oder unterschiedliche Formen von Gewalt immer wieder thematisiert werden und/oder von den Mädchen selbst zum Thema gemacht werden. Dabei geht es viel um eigene Grenzen, das Vermitteln von grundlegenden Selbstbehauptungstechniken, von Wissen und vor allem um Handlungsoptionen bei verschiedensten Gewaltphänomenen.
Darüber hinaus beschäftigt sich ARANEA mit dem Thema „Gewalt und Medien“, dem Umgang mit Wut und gewaltbereitem Verhalten. Auch Konfliktlösungsstrategien, Übungen zur positiven Körperwahrnehmung, Stressbewältigung und Entspannung durch Achtsamkeit, sowie Elemente aus der Sexualpädagogik fließen in die gewaltpräventive Arbeit mit ein. Außerdem lernen die Mädchen verschiedene Hilfs- und Unterstützungsangebote kennen.
Der Schwerpunkt Gewaltprävention nimmt sich also des vielfältigen Phänomens Gewalt an und setzt Gewaltphänomenen, denen Mädchen im Alltag immer wieder ausgesetzt sind – beziehungsweise begegnen, etwas entgegen.

Der niederschwellige Zugang zu den Angeboten und die Thematisierung von Gewalt, auf verschiedenen Ebenen, fördert Gewaltminimierung durch Wissensvermittlung. Konfliktlösungs- und Handlungsstrategien können so leichter und zugänglicher erarbeitet werden. Zudem werden die Wahrnehmung persönlicher Grenzen, die Selbstreflexion und die Stärkung der eigenen Persönlichkeit, das Wissen über Hilfs- und Unterstützungsangebote gefördert. Wichtig dabei ist auch die Bildung von Empathie auf der Ebene der direkten Arbeit, mit den von Gewalt betroffenen- und zu Gewalt neigenden Mädchen.

 

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Elke Pallhuber
08.06.2021 11:30

Typisch ... ?

Da habe ich wieder einmal viel gelernt, nachdem ich diese beiden Beiträge gelesen hatte. Ich merke, ich schaue wieder bewusster hin auf Rollenbilder, die mir im Alltag begegnen. Vor kurzem habe ich mir die Serie "Bridgerton" auf Netflix angeschaut. Sie spielt im Jahr 1813 und die Rollenklischees waren sehr stark ausgeprägt. Was darf eine Frau, was muss ein Mann alles können?
Ja, es ist eine Serie, die unterhalten soll und doch habe ich mir so oft gedacht, wie anstrengend muss es sein, in ein Bild zu passen oder nicht in ein Bild zu passen. Deshalb bin ich dankbar für die gedanklichen Anregungen und Informationen der Beiträge.
KATHOLISCHER TIROL LEHREREVEREIN