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BLOG - LESE-ECKE

Es spricht alles dafür, partizipativ unterwegs zu sein!

Elke Pallhuber führte ein Interview mit:
Roman Sillaber, MA
Leiter der Katholischen Jugend der Diözese Innsbruck

 

„Der größte Fehler, den man bei der Erziehung zu begehen pflegt, ist dieser, dass man die Jugend nicht zu eigenen Nachdenken gewöhnet“. Dies ist ein Zitat von Gotthold Ephraim Lessing. 

Ich möchte das Zitat mit dem Zusatz ergänzen: dass es nicht nur wichtig ist, junge Menschen zum eigenen Nachdenken anregen, sondern auch zum Mitreden, Mitdenken, Mitgestalten und Mitbestimmen. 
Mitbestimmung, Partizipation ist ein wichtiges Thema für alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Heute rede ich mit Roman Sillaber darüber. Roman ist Leiter der Katholischen Jugend der Diözese Innsbruck. Er hat durch seine Arbeit viel mit jungen Menschen zu tun und auch das Thema Mitbestimmung ist in dieser Zusammenarbeit ein wichtiges Thema.
  

Lieber Roman, ich freue mich schon auf das Gespräch mit dir!
Bevor wir ins Thema einstiegen, bitte erzähle uns welche Aufgaben die Katholische Jugend hat?

Wir sind zuständig für die Jugendpastoral in der Kirche. Das heißt, wir sind Kirche für und mit jungen Menschen. Wir wollen auch vernetzen und bieten Fort- und Weiterbildungen an und begleiten Jugendleiter*innen in den Dekanaten und Pfarren.

Wir haben auch das Gefühl bekommen: „Wir als Pfarre und Kirche brauchen euch junge Menschen!“

Du warst als Jugendlicher sicher in der Pfarrjugend aktiv. Wie hast du selber Partizipation erlebt?

Bei mir war es so, dass ich in der Pfarre meiner Heimatgemeinde Ministrant war und dann in der Pfarrjugend sehr im Pfarrleben involviert war. Ich habe jetzt keine konkreten Erinnerungen an meine Ministrantenzeit, aber die Zeit in der Pfarrjugend habe ich sehr partizipativ erlebt. Wir hatten sehr viele Möglichkeiten und Freiheiten. Wir hatten einen Raum bekommen und hatten das Vertrauen genossen, für uns Veranstaltungen zu organisieren, die uns Spaß gemacht haben. Wir haben auch das Gefühl bekommen: „Wir als Pfarre und Kirche brauchen euch junge Menschen!“ Und das war ein gutes Gefühl gebraucht zu werden.

Es gibt ja eine Stufentheorie von Dr. Michael Wright zur Partizipation. Hier gibt es zurecht verschiedene Stufen, weil nicht in jeder Situation jede Form der Partizipation möglich ist. Die erste Stufe ist Instrumentalisierung: Dieses Gefühl haben Kinder und Jugendliche leider oft. Da kann ich ein Beispiel erzählen: Oft werden für besondere Anlässe besondere Gottesdienste gestaltet. Zum Schluss fällt den Organisierenden ein, dass die Jugendlichen die Fürbitten vorlesen sollen. Wenn es rundherum mehr Möglichkeiten gibt, ist diese Form der Mitgestaltung möglich, darf aber nicht mit Partizipation verwechselt werden. Ich möchte aber diese Stufe der Instrumentalisierung auch mit einem positiven Blick betrachten: Ich finde es gut, wenn auffällt: „Uns fehlen die Kinder und Jugendlichen und wir hätten sie so gerne dabei!“. Und wenn wir noch einmal einen Blick auf die oberste Stufe im Stufenmodell werfen, dann sehen wir: Hier ist Selbstorganisation an höchster Stufe und sogar schon mehr als Partizipation. Bei Selbstorganisation vertraue ich der Gruppe, den Menschen, dass sie alles selber können.

Für mich ist Partizipation ein Geben und Nehmen von beiden Seiten. Anders gesagt: Wenn Partizipation Teilhabe ist, dann kann das nur funktionieren, wenn jemand Teilhabe ermöglicht und jemand anderer die Teilnahme annimmt.

Jetzt bist du Leiter der Katholischen Jugend und dein täglich Brot ist die Zusammenarbeit mit vielen Jugendleiter*innen.
Was hörst du in den Gesprächen mit den Jugendleiter*innen zum Thema Mitbestimmung heraus? Warum ist dir das Thema Partizipation so wichtig?

Junge Menschen haben ein sehr starkes Gefühl für Partizipation. Das hat was mit Gerechtigkeitsempfinden zu tun. Es gibt sehr viele junge Menschen, die sich (in den Pfarren) diese Mitgestaltungsmöglichkeiten erwarten und wünschen. Für uns natürlich sehr schön, wenn das im Rahmen von Pfarre stattfindet. Das Zusammenspiel ist oftmals eine Herausforderung: Wer sind diese jungen Menschen? Wie sind die Leute in der Pfarre drauf? Was haben wir an Infrastruktur? Was wollen die einzelnen Akteure? Wo können wir denn einsteigen? Ich denke gerade an so viele tolle Jugendleiter*innen, die in ihrem Tun die Stufen der Partizipation Schritt für Schritt nach oben gehen. Ein schönes Beispiel ist für mich der Jugendrat im Stubaital. Dort ist es gelungen, den Jugendrat zu installieren, der schon weit in Richtung Selbstorganisation agiert.

Wenn man ein Individuum ernst nimmt, in allem Potential und Würde, das es hat, dann ist Mitbestimmung einfach erforderlich.

Alles, das mit Kindern und Jugendlichen erarbeitet wird, soll aus meiner Sicht partizipativ geschehen. Das ist mein Verständnis an Jugendarbeit, im außerschulischen und schulischen Kontext. Mir als Religionslehrer war es immer wichtig, den Rahmenlehrplan einzuhalten, und innerhalb von dem, was möglich war, die Schüler*innen mitbestimmen zu lassen. Wenn man ein Individuum ernst nimmt, in allem Potential und Würde, das es hat, dann ist Mitbestimmung einfach erforderlich. Meine Haltung als Begleiter*in von jungen Menschen soll prinzipiell partizipativ sein. Durch meine Professionalität weiß ich, auf welcher Stufe von Wright ich einsteigen kann und was ich zum Lernen und Erlernen mitgeben kann. Ein schulisches Konzept ist da sehr spannend, weil sich da durch die Schulpflicht nicht alles freiwillig zusammensetzt, wie im außerschulischen Bereich. Hier kann sein, dass sich Partizipation anfangs schwierig und anstrengend anfühlt, weil eben nicht alle das Gleiche wollen, und genau deshalb ist Partizipation auch wichtig. 

Ich finde, dass es wichtig ist, Partizipation zu üben. Da ist es sinnvoll, auch kleine Möglichkeiten aufzugreifen. Denn wenn man nie Erfahrungen sammelt, dann fällt es einfach schwer zu wissen, was guttut.

Ich finde, dass es wichtig ist, Partizipation zu üben.

Was wünscht du dir für die Zukunft in Zusammenhang mit Partizipation?

Ja, da habe ich gleich ein paar Wünsche! Wenn ich bei uns selber anfange, ertappe ich mich immer wieder, dass wir als Experten*innen der Versuchung erliegen, zu wissen was toll für die jungen Menschen wäre. 

Auch wir müssen uns an der Nase nehmen und die jungen Menschen fragen, was sie wollen. Oder, wenn wir eine Idee haben, dann ist es unsere Aufgabe, sie zu fragen, was sie von der Idee halten. Wenn man diesen Schritt konsequent beachtet, dann glaube ich auch, muss man bei der Umsetzung eines Projekts auch nicht alles selber machen. Auf diesem Weg bindet man automatisch Jugendliche mehr in den Prozess ein und sie tun mit. Das hat den Vorteil: Es wird zu ihrer Sache! Für unser Team ist mir das ein großes Anliegen, dass wir da besser werden.

Insgesamt wünsche ich mir für junge Menschen, dass wir alle miteinander mehr Kirche, mehr Pfarre, mehr Schule, mehr Gemeinde und vor allem mehr Gemeinschaft sind. Und, dass diese Gemeinschaft so bunt sein kann, wie sie eben ist. Wichtig ist für mich das Bewusstsein, dass wir alle ein Teil sind und mittun. Es wäre falsch zu denken: „Wir haben ja eh das Jugendzentrum, wir haben ja eh die Jugendleiter*innen“. Partizipation muss uns allen als Gesamtheit, als Gesellschaft, als Gruppe ein Anliegen sein. 

Da profitieren ja auch wir als Gesellschaft davon, wenn ich weiß, dass ich mitbestimmen darf und manchmal auch muss.

Ich bin kein Partizipationsexperte. Ich bin Anwender. Ich finde es auch im Bereich Kirche wichtig, dass man die Menschen mittun lässt, den Menschen zuhört und sich für sie interessiert. Partizipation soll keine Modeerscheinung sein, sondern eine Haltung, die es braucht, denn ohne ist alles schlechter, denn jeder ist begrenzt als Mensch. Mit Blick auf die jungen Leute ist es mir ein Anliegen zu sagen, dass viele Partizipation wollen und, dass es auf ihrem Weg und zu ihrer Entwicklung dazugehört. Da profitieren ja auch wir als Gesellschaft davon, wenn ich weiß, dass ich mitbestimmen darf und manchmal auch muss. Was für ein Glück, dass wir in Österreich, in Tirol so gute Voraussetzungen haben und partizipativ sein können. Ich denke auch, dass es sich junge Menschen heutzutage erwarten, dass sie mitreden können. Es spricht alles dafür, partizipativ unterwegs zu sein. Es ist eine Win-Win-Situation!

Vielen Dank für das Gespräch und deine Zeit, lieber Roman!

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