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BLOG - LESE-ECKE

Eigene Interessen artikulieren oder Bestimmer*in sein:

Ein Plädoyer für Partizipation bereits im Kindesalter

Mag. Patrizia Bartl, Bed
Grundschullehrerin, Erziehungs- und Bildungswissenschafterin, Dozentin am Institut für Elementar- und Primarpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Tirol,
Mutter von drei Kindern

 

Der Begriff Partizipation umfasst im Fachdiskurs unterschiedliche Bedeutungsebenen. Unter Berücksichtigung des Bestehens diverser Definitionen werde ich im folgenden Text Partizipation mit kindlicher Teilhabe, Mitbestimmung, Einbeziehung und Demokratie überschreiben. Ellen Key rief Anfang des 20. Jahrhunderts das „Jahrhundert des Kindes“ aus und stieß damit eine Entwicklung an, welche „Kinder aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Interessen zunächst überhaupt in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückte“ (Pluto 2007, S. 28), was allerdings bedauerlicherweise nicht in allen Teilen der Welt bzw. in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in gewünschter Weise voranschritt (vgl. Pluto 2007, S. 28f).
Eine kindorientierte Perspektive sollte sich grundsätzlich an der Frage orientieren: Was braucht das Kind (in einer konkreten Situation oder auch generell in einer Entwicklungsphase)? Zumeist verfügen Kinder über ein sehr gutes Gespür, was sie brauchen und was gut – oder gerade in einem bestimmten Moment – wichtig für sie ist. Sie zeigen schnell (etwa in einem frühkindlichen Entwicklungsstadium durch ein Sich-abwenden oder Weinen, später verbal z. B. anhand eines lauten oder mehrmals wiederholten „Nein“), was sie wollen bzw. brauchen; respektive was ihnen nicht passt. Trotzdem werden sie in Bezug auf ihre Wünsche bzw. Bedürfnisse im Laufe ihres Aufwachsens manchmal übergangen. Wie Partizipation ein demokratisches Mitbestimmen von kindlicher Seite ermöglichen kann, dieser Thematik möchte ich mich auf den folgenden Seiten zuwenden, denn…

Partizipation ist ein Menschenrecht

„Partizipation ist keine Frage der pädagogischen Ausrichtung, sondern ein Recht jedes Kindes von Geburt an“ (Rehmann 2018, S. 2). Nun spielen in diesem Kontext natürlich Zeit und Gelassenheit eine wichtige Rolle, denn im Zusammenhang mit Partizipation ist es notwendig, gemeinsam mit den Kindern Entscheidungen zu treffen und dies geht nicht immer schnell. Manchmal treffen wir – u. a. aus Ermangelung an Zeit – Entscheidungen für Kinder und über deren Köpfe hinweg. Vielfach aber geschieht es in guter Absicht und unter dem Aspekt, zu wissen, was gut für Kinder ist.

Grundlage für kindliche Partizipation ist eine Philosophie des Respekts vor der Eigenständigkeit des Kindes und dessen Autonomie. Vor allem aber ist es von Relevanz, dass wir als Erwachsene auch in diesem Sinne handeln und agieren.

Kinder ernst nehmen

Kinder und deren Meinungen sowie ihre Vorstellungen ernst zu nehmen und sie als eigenständige Subjekte anzuerkennen beinhaltet, ihnen auch Möglichkeiten der Mitwirkung und Mitbestimmung anzubieten (vgl. Pluto 2007, S. 30). Grundlage für kindliche Partizipation ist eine Philosophie des Respekts vor der Eigenständigkeit des Kindes und dessen Autonomie. Vor allem aber ist es von Relevanz, dass wir als Erwachsene auch in diesem Sinne handeln und agieren. 
Dementsprechend formulieren Gozales-Mena und Widmeyer, Respekt sei eine Haltung und diese müsse auch im erwachsenen Verhalten Ausdruck finden. Stürzt etwa ein Erwachsener, kommt nicht sofort jemand auf die Idee, ihn aufzuheben, ihn abzuklopfen, ihm den Kopf zu tätscheln und zu sagen, es sei alles in bester Ordnung, egal, ob dies nun zutrifft oder nicht (vgl. Gonzales-Mena und Widmeyer Eyer 2008, S. 17). Zweifellos tun wir dies bei einem Kind in bester Absicht, um dem Kleinen wohlwollend und unterstützen beizustehen. Wir möchten es in gut gemeinter Weise in der konkreten Situation trösten. Doch: Wie ist das erwachsene Handeln im dargelegten Beispiel im Konnex der Selbstbestimmungsrechte des Kindes zu deuten? Hat das Kind vielleicht das Bedürfnis, nach seinem Sturz selbst wieder aufzustehen? Möglicherweise tut ihm sehr wohl etwas weh und es ist nicht „alles in Ordnung“, wie wir ihm (oder auch uns selbst) das in beruhigender Weise einreden bzw. vermitteln möchten. Partizipation beinhaltet, kindliche Bedürfnisse, Wünsche und deren Willen zu respektieren. Sie impliziert zudem Mit- und Selbstbestimmung in demokratischen Entscheidungsprozessen.

Aktive kindliche Beteiligung forcieren – dazu braucht es Engagement seitens aller Akteure*innen

Kinder möchten sich an Entscheidungen, die vor allem sie selbst betreffen, aktiv beteiligen und mitbestimmen. Als Erwachsene sollten wir dies wertschätzend und mit Respekt honorieren. Wenn Kinder selbstbestimmt und aktiv beim Treffen von Entscheidungen involviert sind, so trägt dies dazu bei, dass sie schon früh wichtige Fähigkeiten, Kompetenzen und Selbstvertrauen entwickeln. Sie erfahren dadurch, dass das eigene Tun und Lassen Konsequenzen und Auswirkungen auf sie selbst bzw. auch auf eine Gruppe von Menschen (Familie, Kindergartengruppe, Schulklasse…) haben kann. Im Zuge der Ausbildung prosozialen Verhaltens kommt demzufolge der kindlichen Partizipation besonderes Gewicht zu. 
Das Mitwirken seitens der Kinder müssen wir als Erwachsene unbedingt zulassen – manchmal auch aushalten. In diesem Zusammenhang geht es vor allem um Zutrauen. Rehmann postuliert, dass Partizipation weit mehr ist, als „mitmachen dürfen“. Sie plädiert auf eine, „durch Rechte zugesicherte Beteiligung der Kinder an konkreten Entscheidungen, von denen sie persönlich betroffen sind“ (Rehmann 2018, S. 6).

Wenn Kinder selbstbestimmt und aktiv beim Treffen von Entscheidungen involviert sind, so trägt dies dazu bei, dass sie schon früh wichtige Fähigkeiten, Kompetenzen und Selbstvertrauen entwickeln.

Partizipation – aber wie?

Um ein partizipatives Handeln zu ermöglichen, ist eine kindorientierte Haltung notwendig, diese reicht allein jedoch nicht aus. Sowohl als Eltern als auch als pädagogische Fachkräfte benötigen wir Begründungs- und Handlungswissen, „hinsichtlich der Fragen, warum, wozu und wie Partizipation […] notwendig, möglich und sinnvoll ist. Sie (Anm. oben genannte Personen) benötigen darüber hinaus Handlungskompetenz und konkrete eigene Erfahrung hinsichtlich beteiligender Methoden in der Interaktion mit einzelnen Kindern sowie in der Gruppe, außerdem Reflexion über eigene Beteiligungserfahrungen, deren individuelle und gesellschaftliche Bedeutung sowie deren Bezug zum fachlichen Diskurs“ (Rehmann 2018, S. 4). All diese Aspekte rücken bereits in der Ausbildung für angehende Pädagoginnen und Pädagogen mehr und mehr in den Fokus.

Partizipation heißt nicht, dass die Kinder alles allein entscheiden

Definitiv würde ein Zuviel sowohl die Kinder als auch die beteiligten Erwachsenen vor unüberwindbare Hürden stellen und die involvierten Personen überfordern. Aus diesem Grund können natürlich nicht jegliche Entscheidungen, die das Zusammenleben betreffen, Kindern obliegen. Selbstverständlich benötigen Kinder einen sicheren, vorgegebenen Rahmen, der ihnen Orientierung bietet. So muss es klarerweise – sowohl im privaten wie im institutionalisierten Bereich – Regeln und gewohnte Strukturen geben, die den Kindern Halt und Orientierung bieten und im Sinne der Sicherheit ggf. auch Dinge verbieten. Somit ist demokratisches Agieren in Bezug auf die Interaktion mit Kindern immer ein Abwägen, was im Nexus einer demokratisch orientierten Partizipation möglich und durchführbar ist. Dies erfordert „eine pädagogische Gestaltung der Beteiligungsmöglichkeiten durch die Erwachsenen und muss neben der individuellen Ebene auch die Ebene der Gruppe im Blick haben. Der pädagogische Kontext, in dem Kinder sich als Lernende und sich Bildende bewegen, darf weder ein rechts-freier Raum sein (also undemokratisch) noch kann er ohne Erziehung stattfinden. Erziehung ist Bildungsbegleitung, die Orientierung bietet, Anregungen bereithält, herausfordert und zumutet, dadurch aber auch verhindert und z. B. zum Schutz vor Gefahren eingreift und begrenzt. […] Pädagogik gestaltet sich immer zwischen der Freiheit des Kindes und der Verantwortung der Erwachsenen. Sie muss, ausgehend von den Rechten und Bedürfnissen des Kindes, gedacht werden. Partizipation in der Demokratie […] nimmt das Recht auf Selbst- und Mitbestimmung des Einzelnen im Verhältnis zur Gemeinschaft, zu der auch die Erwachsenen gehören, in den Blick und sucht nach Lösungen, wie Entscheidungen zum Wohle aller bestmöglich getroffen werden können“ (Rehmann 2018, S. 8-9).

Wenn ganz viele mitbestimmen wollen…

Nun könnte man sagen, dass es im privaten Bereich – vielleicht mit einem oder zwei Kindern – leichter fällt, diese/s aktiv in Entscheidungsprozesse mit einzubinden als es im institutionellen Kontext und mit vielen Kindern machbar erscheint. Das Exempel des Kinderparlaments, welches ich nun in einem zweiten Artikel – der im Anschluss an diesen folgt – beschreibe, soll eine mögliche Herangehensweise erläutern.

 

Literatur:

  • Gonzales-Mena, J. / Widmeyer Eyer, D. (2008): Säuglinge, Kleinkindern und ihre Betreuung, Erziehung und Pflege. Ein Curriculum für respektvolle Pflege und Erziehung. Arbor Verlag: Freiamt im Schwarzwald. 
  • Pluto, L. (2007): Partizipation in den Hilfen zur Erziehung. Eine empirische Studie. Deutsches Jugendinstitut: München
  • Rehmann, Y. (2018): Partizipation in der Krippe – Grundlagen und Anregungen für die Praxis. Verfügbar unter: www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Rehmann_2018-PartizipationinderKrippe.pdf (Zugriff am 02.12.2021, 20:30)
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