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BLOG - LESE-ECKE

Das Kinderparlament

Ein Beispiel für kindliche Partizipation

Mag. Patrizia Bartl, BEd
Grundschullehrerin, Erziehungs- und Bildungswissenschafterin, Dozentin am Institut für Elementar- und Primarpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Tirol, Mutter von drei Kindern.

Dr. Christoph Rameshan
assoziierter Universitätsprofessor TU Wien, Vater von drei Kindern

 

Nimm ein Kind an die Hand und lass dich von ihm führen. 
Betrachte die Steine, die es aufhebt und höre zu, was es dir erzählt. 
Zur Belohnung zeigt es dir eine Welt, die du längst vergessen hast.
(Unbekannt)

Selbst innerfamiliär und in Bezug auf die eigenen Kinder ist es nicht immer einfach, diese in Entscheidungsprozesse einzubinden und somit kindliche Partizipation zu ermöglichen. Sehen wir uns anhand eines Beispiels an, wie dies in größeren Gruppen und im institutionalisierten Bereich umsetzbar ist. 

Kinder wollen in Bezug auf Entscheidungsprozesse involviert werden

Partizipation setzt Kooperation voraus und Kinder haben grundsätzlich eine sehr hohe Bereitschaft zu dieser. Sie möchten sich von klein auf an der Gemeinschaft beteiligen und wir sollten den Kindern solche Kooperationsversuche nicht untersagen, nur weil es schneller ginge, sie nicht zu involvieren (vgl. Rehmann 2018, S. 18). Zeit und Geduld aufzubringen, ist in diesem Fall äußerst lohnenswert, denn anhand unterschiedlichster Möglichkeiten der Beteiligung werden Kinder selbständiger, geschickter, selbstbewusster und lernen zu argumentieren. „Kinder auf dem Weg zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (§ 1 SGB VIII) zu begleiten, ohne ihnen Eigenverantwortlichkeit und Kooperationsbereitschaft zuzutrauen und zuzumuten, ist nahezu unmöglich“ (Rehmann 2018, S. 18f) und aus diesem Grund sollten wir sie ehestmöglich sowohl in Entscheidungen als auch in diese begleitenden Handlungsprozesse einbinden.

…und alle bestimmen mit!

Anhand eines Beispiels aus dem elementarpädagogischen Bereich werde ich eine mögliche, praktische Herangehensweise zur kindlichen Partizipation darlegen und beschreiben. Meine eigenen Kinder besuchen den Kindergarten, in dem „Das Kinderparlament“ Partizipation ermöglicht. An dieser Stelle möchte ich das Projekt mehrperspektivisch beleuchten – einerseits aus Elternsicht – und ferner werde ich meine persönlichen Erkenntnisse und Überlegungen als Pädagogin miteinfließen lassen.

Das Kinderparlament

Im Pfarrkindergarten Pradl wurde am Elternabend eine Idee vorgestellt, welche die Kinder beider Gruppen – jene der Sonnengruppe und jene der Blumengruppe – über das gesamte Jahr hinweg immer wieder an Entscheidungsprozessen partizipieren lässt.

Als die Eltern am Tag des Elternabends in den großen Saal des Jugendheimes kamen, lag auf den – mit den Corona-bedingt notwendigen Abständen aufgestellten Sesseln – jeweils ein bunt bemalter Stein mit einem Durchmesser von ca. 3 cm. Es war zu beobachten, dass die Eltern – so auch ich – sich ihre Plätze nach der Optik der Steine suchten; und ferner war zu erkennen, dass sie mit Bedacht wählten und gespannt waren, was es mit den Steinen auf sich haben würde. Eine der Elementarpädagoginnen sollte die Sache später an besagtem Abend auflösen: Diese Steine würden sowohl die Kinder der Sonnengruppe als auch die der Blumengruppe dafür verwenden, im Zuge des Kinderparlaments Entscheidungen über bevorzugte Themengebiete zu treffen, die sie interessieren und welche sie vertiefend behandeln möchten. 

Zum Ablauf

Im Vorfeld beobachten die Elementarpädagoginnen die Kinder ihrer jeweiligen Gruppen während des Freispiels an mehreren Vormittagen, um Themen zu eruieren, die die Kinder zu gegebenem Zeitpunkt gerade besonders beschäftigen und notieren sich diese. Daraus ergibt sich ein Sammelsurium an Themen, welche in geclusterter Form Themengebiete abstecken, die in weiterer Folge gemeinsam mit den Kindern aufgegriffen werden. 
In der Sonnengruppe ergaben sich so beispielsweise um Allerheiligen/Allerseelen und Halloween herum die Themen „Drachen und Gespenster“ sowie „Zahlen“ und in der Blumengruppe „Haustiere“ und „Mein Körper“. 
In einem weiteren Schritt wurden beide Themen in den jeweiligen Gruppen von den Elementarpädagoginnen anschaulich im Sitzkreis präsentiert und die Kinder hatten die Qual der Wahl. Die Kindergartenkinder suchten sich nun einen Stein aus und eine Sanduhr gab ihnen die Zeit vor, in welcher sie sich für eines der Themen entscheiden sollten. 

Während der Phase des Entscheidungsprozesses

Eine der Pädagoginnen erzählte mir, dass die Kinder den Stein nicht schnell ablegen. Im Gegenteil ist in dieser Zeit zu beobachten, dass die Kinder den Zeigefinger ans Kinn legen, sich Gedanken machen, miteinander sprechen, verhandeln, Überlegungen anstellen und sich gegenseitig beraten. Erst dann legen sie den gewählten Stein zu dem Thema, welches ihnen interessanter erscheint. 

Die Entscheidung

Anschließend zählen die Kinder gemeinsam mit den Pädagoginnen* die Steine und so fließen bereits Aspekte mathematischer Vorläuferfertigkeiten im Bereich des Mengenvorwissens mit ein. Anknüpfungspunkte hierfür ermöglichen Fragen wie: Auf welcher Seite/Bei welchem Thema liegen mehr/weniger/gleich viele Steine? Wie viele Steine liegen bei welchem Thema? Wo liegen die meisten/wenigsten Steine? Wie viele Steine liegen insgesamt da? Es müssen genau so viele Steine insgesamt dort liegen, wie heute Kinder anwesend sind – im Sinne einer Eins-zu-Eins-Zuordnung. Erstere Fragen beziehen sich auf den Anzahlaspekt sowie die Simultanerfassung kleiner Mengen. Durch die repetitive Abhandlung, wie etwa das Auflegen von Mengen in der Anordnung der Würfelaugen-Zahlen, um eine Simultanerfassung zu vereinfachen, fließen handlungsorientiert mathematische Herangehensweisen ein. Im Laufe des Kindergartenjahres werden bei der Abhaltung des Kinderparlaments regelmäßig solche Entscheidungsfindungsprozesse angeregt.

Beobachtungen zur Wirkmacht partizipativer Mitbestimmung

Nun, seit unser Sohn und unsere Töchter im Kindergarten das Kinderparlament kennengelernt haben, sind tatsächlich Veränderungsprozesse in Bezug auf das Treffen von Entscheidungen seitens der Kinder festzustellen. So konnten wir beobachten, dass unsere drei Kinder eines Abends von sich aus für die Gute-Nacht-Geschichte zwei unterschiedliche Bücher aus dem Regal zogen. Das älteste Kind teilte den beiden anderen und sich selbst jeweils einen Mugelstein aus und sagte: „So, jetzt wird gewählt. Welches Buch soll uns der Papa heute vorlesen? Das Buch, auf dem die meisten Mugelsteine liegen, gewinnt.“ 
Zudem konnten wir als Eltern seither immer wieder Gegenwind verspüren, wenn wir Entscheidungen in Bezug auf das Essen oder bezüglich Freizeitaktivitäten trafen, ohne unsere Kinder einzubinden. „Warum habt ihr das jetzt einfach so entschieden, was wir heute machen?“, fragten die Kinder dann – zurecht. 

Partizipation macht Kinder stark

Wenn wir Kinder mitentscheiden lassen, so geben wir – sowohl als Eltern als auch als pädagogisches Fachpersonal – Macht ab. Gleichzeitig aber, ebnen wir den Weg hinsichtlich positiver Entfaltungsmöglichkeiten seitens der uns anvertrauten Kinder. Im Konnex der Entwicklung unterschiedlichster Kompetenzen geben wir die Bahn frei für geistiges Wachstum, Resilienz, Autonomie, Selbsteinschätzung, für das Erkennen von Selbstwirksamkeit und die Gewissheit, dass der individuell-persönliche Einsatz von Bedeutung ist. Wenn Kinder merken, dass ihre Ideen Wertschätzung erfahren und es verdient haben, gesagt zu werden, führt dies zur Identifikation. Werden kindliche Ideen aufgegriffen, so erfahren sich die Kinder als an Entscheidungen aktiv beteiligt und folglich werden sie diese auch verantwortungsvoll mittragen.
Wenn kindliche Beteiligung bei uns Erwachsenen Gehör findet, binden wir Kinder automatisch schon früh in Entscheidungen ein und geben ihnen die Möglichkeit zu erkennen, dass ihr Mitwirken Bedeutungsgehalt in sich birgt und Wirkung zeigt. Diese Erkenntnisse tragen langfristig positiv zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung bei. Kindern eine Stimme zu geben und jene Stimme bei wichtigen Entscheidungen zu hören (vgl. Unicef, 2017) ist diesbezüglich von Relevanz.

Macht abgeben

Zugegebenermaßen ist es teilweise anstrengender, langwieriger, vielleicht auch mühsamer, unsere eigenen – noch relativ kleinen – Kinder möglichst stark in Entscheidungen miteinzubinden und sie zu fragen, was sie von einer bestimmten Sache halten oder wie sie an etwas herangehen würden. Dennoch ist – selbst bereits mit recht kleinen Kindern wie den unsrigen – ein Dialog auf Augenhöhe möglich, denn der Wunsch ernst- und wahrgenommen zu werden, wohnt jedem Menschen inne. Wie im vorangegangenen Text beschrieben, haben Kinder das Bedürfnis nach Partizipation und zeigen dies anhand eines starken Willens zur Kooperation. Von erwachsener Seite ist in diesem Zusammenhang immer ein Abwägen in Bezug auf Altersadäquatheit respektive Überforderung notwendig. Es ist jedoch absolut lohnenswert und total spannend, kindliche Gedankengänge miteinzubeziehen und selbst einen Perspektivenwechsel im Kontext der kindlichen Sicht auf bestimmte Dinge bzw. Sachverhalte zu wagen. Vieles kann besser werden, wenn wir die Kinder fragen!


Literatur:

 

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