37 Die kognitionswissenschaftliche Perspektive auf das Lernen Chomskys Erkenntnisse über das kindliche Sprachenlernen brachten die Kognitionswis senschaften zusammen In den kognitions wissenschaftlichen Disziplinen wurde von einander unabhängig festgestellt dass beim Lernen das Gehirn und nicht das Verhalten aktiviert werden muss Außerdem wurde bestätigt dass Wahrnehmung Verständ nis und Informationsverarbeitung bei jedem Einzelnen selbstständig und in Abhängigkeit von individuellem Vorwissen und Erfahrungen durchgeführt werden muss In der Psychologie konnte Ulric Neisser bereits 1967 explizit nachweisen dass selbst die visuelle Wahrnehmung des Menschen nicht unabhängig vom wahrnehmenden Subjekt stattfindet sondern vom bestehen den Wissen und der Erfahrung des Infor mationsverarbeiters beeinflusst wird In der kognitiven Psycholinguistik brachten Eleanor Roschs Forschungen zur Prototypentheorie in den 1970er Jahren zutage dass es inner halb einer Kategorie Repräsentanten gibt die von einzelnen Sprechern für mehr oder weniger typisch akzeptiert werden Meine eigenen wissenschaftlichen Forschun gen zur Prototypentheorie mit Muttersprach lern des Deutschen Britisch Englischen US Englischen sowie des Ghana Englischen führten ebenfalls zum Ergebnis dass die Wahrnehmung und dadurch die Bedeutung sprachlicher Begriffe und Kategorien hoch gradig abhängig sind von der geografischen Herkunft und der Kultur dem Alter dem Ge schlecht der sozio ökonomischen Situation und schließlich von der Sprache an sich Die Realität ist ein Kontinuum und die Be reiche die daraus entnommen und sprachlich besetzt werden variieren von Sprache zu Sprache und sogar innerhalb einer Sprache von Sprecher in zu Sprecher in Der Farb verlauf des Regenbogens ist ein Beispiel für dieses Kontinuum Es gibt theoretisch eine unendliche Anzahl unterschiedlicher Farben praktisch greifen sich die Sprecher innen einer Sprache jedoch nur eine begrenzte Anzahl an Farben heraus für die sie eine sprachliche Bezeichnung festlegen Es gibt Sprachgemeinschaften die nur die Unterscheidung zwischen hellen und dunklen Farben kennen und deshalb nur zwei Farb begriffe aufweisen schwarz und weiß Die russische Sprache hingegen nimmt das was im Deutschen mit hellBLAU und dunkelBLAU derselben Sprachkategorie BLAU zugeordnet wird als grundsätzlich unterschiedliche Far ben wahr und hat dafür gänzlich unterschied liche von einander unabhängige sprachliche Lexeme goluboi entspricht hellblau sinii dunkelblau Im Englischen wird zwischen PINK und ROT differenziert deshalb ist PINK keine Variante von ROT also nicht hellROT Im Deutschen gibt es hingegen die Farbe rosaROT die semantisch der Kategorie ROT zugeordnet wird Die Grenzen sprachlicher Begriffe und Kategorien sind somit hoch gradig willkürlich festgelegt Jede r der die sich schon einmal mit jemand anderem über die richtige Farbenbezeichnung gestritten hat weiß dass nicht allein die Sprache sondern auch die individuelle Wahrnehmung die Bedeutung und Grenzen von Kategorien definiert

Vorschau KTLV Aufleben  2/21 Seite 37
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