36 ZEITLOS LERNEN 2 4 Die kognitive Wende führt zum Paradigmenwechsel In den 1950er Jahren übte Noam Chomsky der wohl bekannteste und revolutionärste Lin guist der Gegenwart scharfe Kritik an dem bis dahin vorherrschenden Strukturalismus und an der damit verbundenen Lerntheorie des Behaviorismus Er stellte die Frage wie es denn sein könnte dass kleine Kinder über haupt jemals eine Sprache lernen können wenn es auf absolut perfekten Sprachinput ankäme Menschen machen in der konkreten Sprach anwendung eigentlich fast ständig sprach liche Fehler ändern angefangene Sätze stammeln stottern schweifen ab benutzen grammatikalisch falsche Formen wenn sie unkonzentriert verliebt nervös oder müde sind Nach behavioristischer Lerntheorie basieren erfolgreiche Lernprozesse aller dings allein auf fehlerfreiem Input Doch dann würden Kinder niemals in der Lage sein trotz der vielen falschen Sprachdaten denen sie pausenlos ausgesetzt sind eine Sprache richtig zu lernen Chomsky folgerte daraus dass sich im Kopf des Menschen etwas befinden müsse das nicht nach behavioristischen Lernmetho den also nicht verhaltensorientiert und nicht imitierend funktioniert Er nannte das das Human Language Acquisition Device das menschliche Spracherwerbinstrument bzw Sprachlerninstrument Er formulierte die The se dass die Fähigkeit des Menschen eine oder auch mehrere Sprachen zu lernen eine ihm angeborene Kompetenz sei Diese Kompetenz basiere darauf dass das menschliche Gehirn gerade auch das Gehirn von kleinen Kindern in der Lage sei aus all dem falschen Sprachinput durch selbststän diges Nachdenken nicht durch Imitation das Richtige heraus zu filtrieren und zu lernen Das Kind lernt die sprachlichen Regeln auto nom und aktiv also ohne die Notwendigkeit ihm Grammatikregeln einbläuen zu müssen Diese Erkenntnis war revolutionär Die darauf fußende zweite Erkenntnis war gleichfalls revolutionär denn sie widerspricht der beha vioristischen Theorie dass erfolgreiches Ler nen in der erfolgreichen Imitation von zuvor Gesagtem Gehörtem und Beobachtetem zu sehen ist Durch die durch eigenes Nach denken erworbene Kenntnis einer begrenzten Anzahl von Sprachregeln kann ein Mensch eine unendlich große Anzahl sprachlich rich tig strukturierter Sätze bilden sogar solche die noch nie zuvor gesagt worden waren

Vorschau KTLV Aufleben  2/21 Seite 36
Hinweis: Dies ist eine maschinenlesbare No-Flash Ansicht.
Klicken Sie hier um zur Online-Version zu gelangen.